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Sonntag, 17. Februar 2013

DQ & SP Detailkritik (1)



Jens Jürgen Korff (M. A.) ist freiberuflicher Werbe- und Webtexter im Raum Bielefeld – ich hatte ihn schon vorgestellt. Also ein Mann mit scharfer Zunge und scharfer Meinung. Kein Wunder, dass er sich den „Don Quijote & Sancho Pansa“  im Einzelnen vorgenommen hat!

Zu jedem Kapitel hat er eine ausführliche Analyse („Randnotizen“ nennt er sie) geschrieben, die ich meiner Fangemeinde nicht vorenthalten möchte.

Zum Titelbild hat er sich hier schon geäußert. Die Einleitung...


 ... kommentiert JJK wie folgt:

Vorrede


Eine prächtige Vorrede, frei nach dem köstlichen Vorwort des Cervantes zu seinem unsterblichen Werk! Ich fürchte, in meinen weiteren Randnotizen wird die Kritik einen zu großen Platz einnehmen und das Lob wird zu kurz kommen. Irgendwas ist schon ziemlich verschroben an den denkenden, oder eher an den fühlenden Intellektuellen, dass sie immer dann aufblühen und vor Aktivität sprühen, wenn es etwas zu kritisieren gibt, und dass sie meist schlaff und unbeteiligt bleiben, wo es an der Zeit gewesen wäre, sich zu erinnern und auszusprechen: Da habe ich mich amüsiert, und das habe ich Dank der Bemühungen des Autors an dieser Stelle erkannt!



Einleitung


10: herrlich, wie Beetz die dumme Vorliebe mancher Autoren zu komplizierten, nichts sagenden Schachtelsätzen in einem komplizierten, nichtssagenden Schachtelsatz abhandelt!



Endnoten! Leider gibt es keine Fußnoten mehr am Fuß einer jeden Seite, die sind viel praktischer als Endnoten, weil man nicht ständig hin und her blättern muss. Übrigens sind Fußnoten eine frühe Form von Hypertext.



Zu den Links: Offenbar hat außer Stanislaw Lem noch ein berühmter Schriftsteller, Herbert George Wells, die Idee des Internet vorweggenommen in einem 1937 erschienenen Aufsatz namens Word Brain.



Aber was ist das für eine schreckliche Schreibweise der Internet-Links! HTTP://www.Berlinonline.de/berliner-Zeitung/Archiv/.Bin/de.fCGI/2003/1220/Media/0064/Index.html – warum mutet uns Beetz zu, so etwas zu lesen oder gar abzutippen?!? Dabei gibt es doch bei bitly.com und anderen Anbietern die Möglichkeit, solche Links abzukürzen und sogar mit sinnvollen Wörtern zu beschreiben. Bei Wikipedia-Links wäre es doch viel sinnvoller gewesen, einfach zu schreiben: Wikipedia.de: Suchwort. Und wo wir schon in den Servicebereich des Buches abgeglitten sind: wo ist der Personenindex? Sancho Pansa!



Nun widmet er sich dem "nullten" Kapitel mit folgendem Inhalt: 



Hier kommen seine Kommentare: 

Nulltes Kapitel


In meinen Augen ist es eine logische Unsitte, dem ersten Kapitel eines Buches nicht die Nummer 1, sondern die Nummer 0 zu geben. Zählen kann man nur, was vorhanden ist. Ein Kapitel Nummer 0 wäre ein Kapitel, das nicht existiert.



14: Können der Philosoph, der Künstler der folgenlosen Gedanken, und der Wissenschaftler, der materialistische, logisch denkende Erbsenzähler, überhaupt ins Gespräch kommen? Sehr schön formuliert!



Rückblick 1699


15: Da steht es ja: »aufgrund der Definition, dass es kein Jahr Null gab…«  Aus dem gleichen Grunde gibt es auch keine Seite 0 und kein Kapitel 0. Es handelt sich aber nicht bloß um eine Definition, sondern um eine Frage der Logik: Zählen kann man die wie gesagt nur Dinge die vorhanden sind, und das erste Ding, das vorhanden ist, hat die Nummer 1.



16: schön, dass Shakespeare vorkommt! (Und schade, um das vorwegzunehmen, dass Goethe nicht vorkommt.)



Rückblick 1799


21: »Die unvermeidlichen Kriege können wir ja weglassen.« Das könnte ein Fehler sein. Der Siebenjährige Krieg (1756-1763) gilt als erster Weltkrieg der Geschichte und hatte bereits große Ähnlichkeiten mit dem offiziell Ersten Weltkrieg (1914-1918). Über Friedrich II. von Preußen zu sprechen, ohne seinen aberwitzigen Krieg zu erwähnen, verzerrt die Geschichte ganz gewaltig.




24: Danke für die Klarstellung! Die Kugelgestalt der Erde war in Antike und Mittelalter bekannt.



25: Bestimmt haben wir jemanden vergessen. Ja, zum Beispiel James Watt, der 1776 eine effiziente Dampfmaschine konstuierte, und Goethe und Schiller, deren Freundschaft 1795 in Weimar begann. Beide beschäftigten sich in ihrer Literatur viel mit Wissenschaften: Goethe mit Naturwissenschaften, Schiller mit Geschichtswissenschaft.



Rückblick 1899


26: Hier fehlt Goethe nun ganz dringend, der 1805 in seinem »Faust« das Urbild eines Wissenschaftlers schuf, der unbedingt herauskriegen wollte, »was die Welt / im Innersten zusammenhält«. Auch vor einem Pakt mit dem Teufel schreckte er nicht zurück. Als ob Goethe geahnt hätte, was Einstein, Oppenheimer und andere 140 Jahre später mit ihrer Atombombe anrichten würden. Aber wahrscheinlich fiel Goethes Faust Beetz’ notorischer Idiosynkrasie gegen alle zum Opfer, die sich einmal »der Magie ergeben« haben...



27: Schelling und die Romantik: Hier zeigt sich erstmals, welche Wissenschaften SP alle nicht oder kaum im Blick hat: Die Brüder Grimm und andere schufen mit ihren Wörterbüchern die Grundlage von Germanistik, Anglistik Romanistik, Sprachwissenschaft. Barthold Georg Niebuhr begründete die geschichtswissenschaftliche Quellenkritik: standardisierte Verfahren, mit deren Hilfe man die Relevanz historischer Quellentexte einschätzen und überprüfen kann. Auch das waren Früchte der Romantik.



28: Zu Marx: Viel wichtiger als Marx’ polemischer Satz in der Vorrede zum Kommunistischen Manifest war der erste Satz des Haupttextes: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen: Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener...“ Hier begründeten Marx und Engels eine Geschichtsphilosophie und ein angebliches Naturgesetz der Geschichte. Das dürfte ihr problematischster Fehler gewesen sein. Die skeptische Vorhersage des Don Quijote lässt einen wichtigen Aspekt außer Acht: den Freiheitsdrang der Menschen. Nach wie vor nehmen sich Unternehmer das Recht heraus, Millionen von Menschen in ihren Betrieben herumzukommandieren und Ungehorsam mit Arbeitslosigkeit zu bestrafen. Das ist der eigentliche Skandal des Kapitalismus.



29: Die „Ausbeutung der Arbeiterklasse“ im 19. Jahrhundert war keine Erfindung von Marx, sondern blutige und – im Aristoteles’schen Sinne unbestrittene – Realität.



DQ fragt: „Immer nur Wissenschaften?“ Er sollte fragen: „Immer nur Naturwissenschaften? Wo bleiben Geschichtswissenschaft, Geographie, Sprachwissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie?“ Auguste Comte und Max Weber begründeten die bürgerliche Soziologie (nachdem Marx und Engels schon die sozialistische Soziologie begründet hatten).



Rückblick 1999


31: Navigationsgeräte gab es 1999 noch nicht. Auch Google (S. 37) entstand erst ein Jahr zuvor. Damals benutzten wir noch Lycos, Fireball und Altavista.

Der Moderator wäre vielleicht keine schlechte Idee gewesen, wenn er die notorisch fehlenden Geistes- und Sozialwissenschaften vertreten hätte.



33: die Atombombe, der „Januskopf des Fortschritts“: Ist das alles, was dazu zu sagen ist? Da waren wir schon mal weiter. Die Atombombe verkörpert wie kaum eine andere Sache die „Dialektik der Aufklärung“, von der Adorno und Horkheimer 1945 gesprochen haben: die zerstörerische und selbstzerstörerische, ja mörderische Potenz der Aufklärung und des wissenschaftlichen Fortschritts. Eindrucksvolle Einblicke lieferten uns die Dramatiker Friedrich Dürrenmatt („Die Physiker“), Heinar Kipphardt („In der Sache J. Robert Oppenheimer“) und Wolfgang Weyrauch („Die japanischen Fischer“, ein Hörspiel).



34: DQ zitiert Richard Feynman: „...es ist sicher zu sagen, niemand versteht die Quanten­mechanik.“ Hallo Philosoph! Wo bleibt dein Einsatz? Wäre es hier nicht an der Zeit, die Frage aufzuwerfen: Welchen Sinn hat eigentlich eine Theorie, die niemand versteht? Theorien haben doch den Zweck, Sachverhalte verständlich zu machen. Gut, vielleicht kommt so was noch. Ich bin gespannt.



„Das blutigste Jahrhundert der Weltgeschichte“: Das gilt nur eingeschränkt, nur in absoluten Zahlen, nicht aber in relativen. Der Historiker Steven Pinker (Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit, 2011) hat kürzlich recht überzeugend nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, einem Kriegsakt oder Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen, im 20. Jhdt. viel kleiner war als z. B. im 18. Jhdt. Salopp gesagt: Es gab so viele Tote, weil es so viele Menschen gab.



35: Viren und Bakterien – gutes Stichwort! Wo bleibt eigentlich die Genetik? Man entdeckte die Chromosomen, die Struktur der DNS/DNA, die Mechanismen der Protein-Biosynthese sowie der Photosynthese.



Hiroshima: Sündenfall der Wissenschaft oder der Philosophie? Sancho, Sancho, deine Position ist unlogisch! Es war Aufgabe der beteiligten Wissenschaftler, sich an ethischen Prinzipien zu orientieren. Und nicht Aufgabe der Philosophen, den Wissenschaftlern (und Politikern) ihre Prinzipien aufzuzwingen. Philosophen sind, wie oben gesehen, Künstler des folgenlosen Denkens, also machtlos, Wissenschaftler dagegen nicht. Sie können den Bau einer Atombombe tatsächlich verhindern. Doch Wernher von Braun pflegte in solchen Fällen zu sagen: „That is not my department.“



Die lokalen Kriege und Massaker seit 1945 kann man ruhig mitrechnen. Dennoch bleibt die 2. Hälfte des 20. Jhdts. im weltgeschichtlichen Vergleich eine überwiegend friedliche Zeit, in der die weitaus meisten Menschen der Erde meistens im Frieden lebten.



36: Vernunft und Kultur haben 1962 den Atomkrieg verhindert? Verstehe ich nicht. Zunächst mal haben sie doch die Möglichkeit und Gefahr eines Atomkrieges überhaupt erst geschaffen. Ohne Vernunft und Kultur kann man keine Atombomben bauen. In diesem Streit fehlt es DQ deutlich an soziologisch geschärftem Biss. Man vernachlässigt Geistes- und Sozialwissen­schaften nicht ungestraft. (Übrigens wurde 1983 ebenfalls nur knapp ein Atomkrieg verhindert. Die Angst der damaligen Friedensdemonstranten war nur zu berechtigt. Vielleicht ist es der Pazifismus, der Kriege verhindert?)



37: »Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus« – ein merkwürdiges Missverständnis der Psychologen und Neurologen, das möglicherweise auf Freuds unglückliche Metapher vom Ich und vom Es zurückgeht und bis heute in den Debatten um den freien Willen nachwirkt. Wenn mein Unterbewusstsein etwas macht, dann bin ich das. Mein Unterbewusstsein gehört mir! Freud litt als typischer Bildungsbürger des 19. Jhdts. unter einer grotesken Überbewertung der bewussten Vernunft. Er konnte sich mit seinen eigenen spontanen Gefühlen nicht identifizieren. Eine bedauernswerte persönliche und zeitbedingte Schwäche, und keinerlei Grund, darauf eine Lehre oder Theorie aufzubauen.



38: SP wirft die Frage auf, ob Geschichte eine objektivierbare Wissenschaft ist. Sie ist es. Mit der Frage haben sich Geschichtswissenschaftler, Soziologen und Philosophen schon häufig beschäftigt (etwa Max Weber). Und sind m. W. zu vernünftigen Resultaten gekommen. Übrigens haben die Naturwissenschaften das gleiche Problem, dass der Auswahl ihrer Themen immer auch ein Moment des Zufalls und der Willkür innewohnt.



Werden die Ausschläge des Grauens immer größer? Diese Frage haben Historiker beantwortet: Nein. Es sei denn, der Atomkrieg kommt doch noch.



DQ: „Ich glaube, die Philosophie muss sich neu positionieren...“ Ja, da sind in der Epoche der Plurale, die meist etwas dümmlich Postmoderne genannt wird, schon einige kluge Köpfe drauf gekommen, überwiegend Franzosen. Das, und was es gebracht hat, könnte und sollte man hier andiskutieren. Stichwort Vielfalt: Wir lernen peu à peu, mit unscharfen Einschätzungen, unsicheren Prognosen und uneindeutigen (oder selbstbezüglichen ;-) ) Ursachen und Wirkungen zu leben.



39: „Globalisierung bedeutet nur...“ Na, na, Monsieur! Globalisierung bedeutet auch, dass wir von den Afrikanern Tanzen und Lebenskunst lernen, von den Asiaten Gelassenheit und Akupunktur (uh, da zuckt der arme DQ zusammen!), von den Lateinamerikanern Befreiungstheologie und Revolution...



Das Internet hat uns die Wikipedia verschafft und damit zwei Utopien verwirklicht: den freien Zugang zum Wissen der Welt und ein neues Modell der gesellschaftlichen Kooperation jenseits der kapitalistischen Ökonomie.



40: „Kultur der Mittelmäßigkeit“ – ein uralter konservativer Topos, der schon mit dem Fernsehen, dem Radio, dem Kino, den Zeitungen und sogar mit den gedruckten Büchern (zumindest den Taschenbüchern) in Verbindung gebracht wurde. Dahinter steckte immer die Furcht alter Eliten, ihre Deutungshoheit zu verlieren. Die Wikipedia widerlegt ihn.



Die Postmoderne: siehe oben. Wenn wir sie als Plurale verstehen, hat sie uns viel zu sagen. Z. B., DQ sagt es mit MacLuhan: „Das Medium ist die Botschaft.“ Ein Satz allerdings (ein Dogma sogar), über den man trefflich und ergiebig streiten kann.



41: Oh, auf den letzten Metern kommt die Umwelt ins Spiel. Ein bisschen spät, ein bisschen marginal vielleicht? Und diese schrecklichen Malthusianismen laufen immer auf die ethnozidische Idee hinaus: Alles wäre gut, wenn’s weniger Afrikaner und weniger Chinesen auf der Welt gäbe. Auch hier übrigens: Dialektik der Aufklärung at it’s worst.


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